Vortrag
Prof. Dipl.-Ing. Peter Gerdsen
Thema:
Zum Stellenwert
der Naturwissenschaft
in unserer Gesellschaft
Inhalt:
Die Naturwissenschaften mit der Physik als Leitstern begannen ihren eigentlichen Siegeszug, als sie die Mathematik in sich aufnahmen. Daraus entwickelten sich die Ingenieurwissenschaften, die das hervorbrachten, was wir heute die Technik nennen. Und diese ist die Grundlage für die industrielle Produktion. Damit ist ein Riesenkomplex enstanden, der sich zu einer geistigen Weltmacht entwickelt hat, die dabei ist, weltweit die Zivilisationen und Kulturen zu prägen und ein hypertrophes Wachstum zeigt, das vielen unheimlich wird.
Alles das von den Weltverhältnissen, das wir Menschen geistig nicht erkennen, begreifen und durchschauen, wird sich gegen uns wenden. Hier setzt der Vortrag ein, indem er das Wesen von Naturwissenschaft, Ingenieurwissenschaft und Technik offenlegt und die inneren Gesetzmäßigkeiten der kulturellen Entwicklung aufzeigt, in die diese eingebettet sind.
Die Problematik der kulturellen Entwicklung hängt eng zusammen mit einer kulturellen Spaltung, die in der Zeit des deutschen Idealismus mit dem beginnenden Siegeszug der mathematisch orientierten Naturwissenschaften ihren Anfang nahm. In der Methodik der mathematisch orientierten Natur- und Ingenieurwissenschaften liegt begründet, daß die Grenzenlosigkeit der Denkmöglichkeiten in eine Grenzenlosigkeit der Handlungsmöglichkeiten transformiert wird. Das Auftauchen dieser Transformationswirkung ist ein menschheitsgeschichtliches Ereignis von prometheischen Ausmaßen, dessen sich die Gesellschaft nur in einem sehr geringen Maße bewußt geworden ist. Die Ingenieurwissenschaften haben unsere Kultur in eine Produktivität von noch nie übertroffenen Ausmaßen hineingeführt. Der spanische Philosoph Jose Ortega y Gasset hat dies bereits vor Jahrzehnten erkannt; er schreibt, daß erstmalig in der Menschheitsgeschichte ein Zustand erreicht worden ist, wo eine Kultur an ihrer eigenen Produktivität zu ersticken droht.
Der beispiellose Siegeszug der Natur- und Ingenieurwissenschaften hat eine prägende Wirkung auf das Menschenbild, die Sprache und das Denken sowie auch auf den Wissenschaftsbegriff überhaupt zur Folge gehabt. So sind manche Wissenschaften geprägt worden, deren Gegenstände mehr in der Lebensebene, der seelischen Ebene und der geistigen Ebene zu suchen sind, während die mathematisch orientierten Natur- und Ingenieurwissenschaften ihre Untersuchungsgegenstände mehr in der mineralischen Welt, der Welt der Materie finden.
Prof. Dipl.-Ing. Peter Gerdsen arbeitet als Hochschullehrer in Hamburg auf den Gebieten Theoretische Nachrichtentechnik, Digitale Signalverarbeitung und -übertragung sowie Telekommunikationssysteme.